Die User, die ich rief

By | November 1, 2010

So lautete der Titel einer Keynote die am letzten Sonnabend auf dem CommunityCamp Berlin 2010 (#ccb10) von Soziologen der TU Chemnitz vorgetragen werden sollte.

Extra dafür wurde ein ganzer Zeitslot nach dem Mittagessen freigehalten, damit möglichst viele an der Keynote teilnehmen. Bereits nach fünf Minuten las man die ersten Tweets die von der Langweiligkeit der Keynote sprachen. Weitere fünf Minuten später war dann die eigentliche Keynote bereits zu Ende und die Zuhörer wurden aufgefordert Gruppen zu bilden und an ausgehängten Whitepapern über einzelne Punkte zu diskutieren. Der bisherige Vortrag enthielt allerdings nichts wirklich neues, war eher auf dem Level 0.1 Basis angesiedelt und für die zuhörende Zielgruppe alles andere als neu.

Nachdem die Wissenschaftler darauf hingewiesen worden waren, daß wir doch eher die Ergebnisse der Studie hören wollten, wurde wieder abgewiegelt und die Zuhörer wurden wieder aufgefordert kleine Gruppen zu bilden und zu diskutieren. Darauf war allerdings niemand eingestellt, zumal es eigentlich auch nichts zu diskutieren gab.

Dann geschah etwas, was ich in dieser krassen Form noch nie bei einem Barcamp erleben durfte und was wohl gerade für die Soziologen auch etwas vollkommen neues war: die Zuhörer verließen einfach in großer Zahl den Raum und überließen die Soziologen mehr oder weniger sich selbst. Für letztere wird dies sicher etwas gewesen sein, was man aus Universitätsvorlesungen nicht kennt, auf Barcamps ist so etwas aber halt normal.

Der Fehler lag hier darin, daß man mit dem was in der Keynote vorgetragen wurde die Zuhörer nicht begeistern konnte, da die mehr oder weniger fast alle vom Fach waren und das schon wußten. Da man auch nicht auf die Wünsche der Zuhörer einging die gesamte Studie zu präsentieren, machten die Teilnehmer das was halt üblich ist: sie gehen.

Für die Wissenschaftler dürfte das schwer zu verdauen gewesen sein, aber so funktioniert halt der basisdemokratische Gedanke von Barcamps. Vielleicht kann man daraus ja eine neue soziologische Studie machen. Sicher lag der Fehler auch mit darin, daß unter dem Begriff „Keynote“ die meisten Teilnehmer an etwas ganz anderes dachten wie die Wissenschaftler es selbst taten. Dies zeigt wieder einmal wie weit entfernt vom realen (Barcamp-)Leben viele Wissenschaftler leben, auch wenn sie selbst solche Studien erstellen.

Was letztlich nun bei der Studie raus kam ist nicht bekannt. Ich verließ, mit vielen anderen dann nach ca. zehn Minuten den Saal. Die wenigen die dann dort blieben wissen es aber glaube auch nicht.

0 thoughts on “Die User, die ich rief

  1. null351

    Danke für die Zusammenfassung. War wahrlich nicht das, was man sich drunter vorgestellt hatte. Allerdings hatte ich vorher auch schon meine Bedenken zu dieser „keynote“ geäußert, da ich allgemein sehr skeptisch mittlerweile gegenüber Studierten in dem Bereich bin. Social Media verlangt viel Gefühl, wenig Wissenschaft… Aber ich wollte mich eines besseren belehren lassen. Nun ja, die ersten Minuten empfand ich sogar recht interessant wenn es denn weitergegangen wäre. Dann trat ein was du beschrieben hattest. Allerdings muss ich in dem Kontext sagen, dass keiner richtig den Mund aufgemacht hat und gesagt hat, dass das nicht so richtig das ist was erwartet wurde. Ich bin dann noch geblieben nachdem 50% der Anwesenden den Raum verlassen haben und habe mit den Vortragenden gesprochen was da grad passiert ist. In erster Linie haben sie gesagt, dass sie das nie wieder machen werden. Genau das hat nämlich die Reaktion erzeugt. Ich hätte mir einfach von der Gemeinschaft – vom Community-Gedanken her gewünscht, dass alle geblieben wären und das diskutiert hätten. Jeder hat mal angefangen, jeder macht Fehler, keiner hatte zu der Zeit was „besseres“ vor.

  2. Torsten Post author

    Ich denke ein Fehler war auch dafür extra einen Slot freizuhalten und das ganze nicht als normale Session anzubieten. Dadurch war der Qualitätsanspruch der Teilnehmer an der Keynote noch größer.

    Sicher hätten auch alle bleiben und diskutieren können, aber ich glaube 1-2 Leute haben ja zu Beginn versucht das ganze in die Richtung „Studie“ zu schieben, was ja dann von Tabea abgeblockt wurde. In dem Moment hatten die halt vergessen, daß sie keine Studenten da sitzen haben die dringend paar Punkte brauchen. Im gleichen Moment haben dann viele Teilnehmer innerlich abgeschaltet.

    Bei einem anderen Barcamp, ich glaube es war in Bielefeld, wurde zu Beginn extra drauf hingewiesen, daß es NICHT unhöflich ist, die Session mittendrin zu verlassen.

    Alle sind halt freiwillig dort gewesen und da kann man auch keinen zwingen sich das komplett anzuhören, wenn es einem nicht zusagt. Nunja, ich denke alle haben an dem Tag etwas dazu gelernt, auch wenn es für die drei Chemnitzer wohl etwas härter war.

  3. Bea

    Danke für diese Ausführung. Das Thema an sich wurde ja spannend verkauft und das Interesse war ja rege. Diese „Mitmachaktion“ ging ja leider in die Hose, ich selbst fühlte mich auf einmal sehr unwohl und auf den Gesichter der meisten anderen Besucher war ähnliches abzulesen. Es tut mir leid für die Chemnitzer, aber die Hinweise darauf, dass niemand so begeistert von der Aktion war, waren doch sehr eindeutig.
    Man kann doch nur daraus lernen..

  4. Katja

    Ich fände es total schade wenn die, mir sehr sympathischen, Vortragenden durch diese Reaktionen nun völlig abgeschreckt sind, denn die Ergebnisse der Studie interessieren mich doch sehr. Einfach auch um Anhaltspunkte und Vergleichswerte zu haben, z.B. verbringe ich zuviel Zeit mit störenden Usern, oder habe ich die meinigen (durchschnittlich) ganz gut im Griff? Was wird als Störung definiert? Wie gehen andere mit Problemfällen um und kann man vielleicht Trends erkennen, Mittel zu denen kurz oder lang alle greifen? Gibt es signifikante Nerv-Unterschiede in der Demografie der Zielgruppe, was kostet die einzelnen Unternehmen und im Durchschnitt die Betreuung solcher Fälle, und und und?
    So wie ich es verstanden habe, wollten sie ja Teile der Studie veröffentlichen. Weiss jemand ob und wo und wann das passiert?
    Ich bin auch nicht gleich gegangen, habe aber auch nicht wirklich gewusst was ich an einer der Wandzettel hätte schreiben sollen, hatte ich doch eher so viele Fragen im Kopf und wollte etwas über die Ergebnisse hören. Ich fand allerdings solche Gruppenbildungsproblemerörterungsgeschichten schon in der Schule zum weglaufen und ich glaube, das fanden einige anderen auch. Aber Mühe gegeben haben sie sich und engagiert waren sie auch. Dafür bedanke ich mich auch.

  5. m106

    Wir haben ja am Sonntag nochmal in einer Session über die Keynote gesprochen, wo die Chemnitzer ebenfalls anwesend waren und sie hatten es zudem Zeitpunkt schon gut verdaut und verstanden. Sie haben eingesehen, dass es ein Kommunikationsfehler gab, wodurch es eine ganz andere Erwartungshaltung an die Keynote seitens der Teilnehmer entstand.

    Zu der Studie konnten sie wohl nichts sagen, weil die Studie gerade bei einem Verlag liegt, die die Studie veröffentlichen will und es deshalb eine „Nachrichtensperre“ gibt.

  6. Tabea

    „Hut ab!“ vor allen Community-Managern!
    Dass dies keine leichte Aufgabe ist, haben wir am Samstag am eigenen Leib erfahren. Wir haben uns sehr gefreut, dass wir mit vielen Teilnehmern in persönlichen Gesprächen bzw. in unserer Sonntagssession darüber reflektieren konnten. „Aus Fehlern wird man klug, darum…“ an dieser Stelle noch einmal vielen Dank für euer konstruktives Feedback.
    Zur Studie: Die Veröffentlichung der Ergebnisse werden wir zum gegebenen Zeitpunkt bekanntgeben. Das wird allerdings noch ein paar Monate dauern.