Bahnunfälle, Zugführer und der Qualitätsjournalismus

By | Januar 31, 2011

Passiert irgendwo ein Zugunglück, so wie jetzt in Hordorf, warte ich regelrecht darauf welches Medium des gepflegten Qualitätsjournalismus als erstes den Begriff „Zugführer“ verwendet. Und dann kann man so tolle Überschriften lesen wie:

„War der Zugführer nicht an seinem Platz?“ (FOCUS)
„Übersah der Zugführer ein Signal?“ (Abendblatt)
„Zugführer möglicherweise nicht im Führerstand“ (Leipziger Volkszeitung)

Was daran so schlimm ist?

Nun schauen wir uns doch mal die Aufgaben eines Zugführers bei einem Eisenbahnunternehmen etwas genauer an. Sie umfassen u.a.:

-Feststellung der Abfahrbereitschaft des Zuges
-Erteilung des Abfahrsignals
-ggf. Berechnung von Bremshundertstel und Ausstellung des Bremszettels
-Rangiertätigkeiten (nur noch selten)
-Fahrkartenverkauf im Zuge
-Fahrgastbetreuung im Zuge

Nicht zu den Aufgaben eines Zugführers gehört das Führen eines Triebfahrzeugs. Dies übernimmt der Triebfahrzeugführer, umgangssprachlich auch als Lokführer bezeichnet.

Zugführer kommen bei den deutschen Bahnunternehmen heutzutage wie folgt zum Einsatz:

-grundsätzlich in allen Zügen des Fernverkehrs
-in Zügen des Nahverkehrs die aus mehr als acht Waggons bestehen (erlebt man heutzutage noch im Berufsverkehr bei der S-Bahn im Rhein-Main-Gebiet)
-in Zügen des Nahverkehrs die an Betriebsstellen halten, deren Bahnsteige sich in einer Kurve befinden und wo nicht durch Videoüberwachung und TAV die ordnungsgemäße Fertigmeldung für den Lokführer erfolgen kann

Bei Güterzügen übernimmt in der Regel der Triebfahrzeugführer die Aufgaben des Zugführers.

Mit diesem Hintergrundwissen betrachten wir die oben zitierten Überschriften noch einmal detailliert:

War der Zugführer nicht an seinem Platz?

Welcher Zugführer? Wie wir eben lernte, gibt es bei Nahverkehrszügen keinen separaten Zugführer mehr und Güterzüge haben eh keinen. Und welches wäre denn der richtige Platz für den Zugführer gewesen, wenn die Züge denn einen gehabt hätten?

Übersah der Zugführer ein Signal?

Das kann zwar auch einem Zugführer passieren, aber schlimmer wäre es doch wenn diese dem Lokführer passieren würde.

Zugführer möglicherweise nicht im Führerstand

Das ist im ICE an der Tagesordnung. 😉

Liebe Journalisten, bevor ihr das nächste Mal über irgendeinen Bahnunfall berichtet, informiert euch bitte über die korrekten Bezeichnungen etwaiger beteiligter Bahnmitarbeiter. Es ist einfach nur peinlich so viel Unfug lesen zu müssen.

0 thoughts on “Bahnunfälle, Zugführer und der Qualitätsjournalismus

  1. Daniel Bäzol

    Viel schlimmer fand ich allerdings die Schlagzeile der Bild Leipzig.
    Sie schrieben gleich wieder von „Todeszug“ .. naja Bild halt.

    Finde deine Beiträge zum Thema sehr informativ, gerade was das Hintergrundwissen angeht.

    Gruss aus Leipzig,

    Daniel

  2. Pingback: Spekulationen zum Zugunglück » Torstens privater Blog